Techniken und Regeln der Zeugnissprache

Die Zeugnissprache bedient sich verschiedener Techniken, um die wahre Bedeutung der Leistungsbewertung zu verschleiern. Dabei geht es nicht nur um die Formulierungen im Text bzw. die Auswahl des Textinhaltes, sondern auch um die Darstellung des gesamten Arbeitszeugnis. Diese Techniken und Regeln haben sich über die letzten hundert Jahre entwickelt. Welche Techniken es gibt, wie ihr sie erkennt und anwendet zeigen wir euch in diesem Artikel:

Techniken der Zeugnissprache
Kurzgefasst: Was ist die Zeugnissprache?
Bei der Zeugnissprache handelt es sich um eine Fachsprache, die bei der Erstellung von deutschsprachigen qualifizierten Arbeitszeugnissen eingesetzt wird. Anhand unterschiedlicher Regel und Techniken ist es Fachfremden nicht möglich die Aussagen über Leistung und Verhalten eines Arbeitnehmers zu deuten.

Positivskala

Die Positivskala

Bei der Positivskala handelt es sich um einer der grundlegenden Techniken der Zeugnissprache. Das bedeutet, dass in der Zeugnissprache generell alle Sätze positiv formuliert werden. Dabei kommt es jedoch darauf an wie positiv der jeweilige Satz formuliert ist! Der Grund dafür sind die gesetzlichen Anforderungen und diversen Gerichtsentscheidungen in den zurückliegenden Jahrzehnten. Die Pflicht wohlwollende und wahrheitsgemäße Arbeitszeugnisse auszustellen hat dazu geführt, wohlklingende, also positiv formulierte Bewertungstexte zu verwenden, die in Relation zueinander jedoch eine Abstufung aufweisen. Somit soll eine wahrheitsgemäße Beurteilung ermöglicht werden, die gleichzeitig wohlwollend ausgelegt werden kann.

Verdeutlich wird diese Positivskala anhand der nachfolgenden Beispiele:

"Die Lern- und Arbeitsweise von Herrn Mustermann war gut."

Arbeitsweise Note 3

Das Wort „gut“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch als positive Steigerung verwendet, um Lob auszudrücken. Aus der Schulzeit assoziiert man automatisch die Note 2.

In der Zeugnissprache bedeutet dieser Satz hingegen nur eine durchschnittliche Bewertung der Arbeitsweise (Note 3). Der Grund dafür ist, dass dieser Satz noch zweifach gesteigert werden kann.

Beispiele dafür sind:

„Die Lern- und Arbeitsweise von Herrn Mustermann war stets gut.“

Arbeitsweise Note 2

„Die Lern- und Arbeitsweise von Herrn Mustermann war stets sehr gut.“

Arbeitsweise Note 1

Der erste Satz spiegelt in diesem Fall die Note 2 wieder. Der Grund hierfür ist die Ergänzung einer zeitlichen Komponente, eines sogenannten Temporaladverbs. Hierdurch wird deutlich, dass die Lern- und Arbeitsweise des Mitarbeiters zu jeder Zeit gut und nicht nur vorübergehend gut war. Der untere Satz wird mit der Note 1 übersetzt. Neben des Temporaladverbs wurde eine zusätzliche Steigerung eingebaut. Bei der Note 1 werden überwiegend Superlative wie herausragend, äußerst oder absolut verwendet um die maximale Steigerung zu erreichen.

Wie man sieht kann man bereits bei diesem einfachen Beispiel erkennen, dass ungeübte Leser von Arbeitszeugnissen große Schwierigkeiten haben die wahre Bedeutung einzelner Bewertungen deuten zu können. Selbst dieses einfache Beispiel kann noch verkompliziert werden:

„Die Lern- und Arbeitsweise von Herrn Mustermann war sehr gut.“

Arbeitsweise Note 2

In diesem Fall liegt die maximale Steigerung vor, was auf die „sehr gute“ Note 1 hinweist. Jedoch fehlt der Zusatz, dass die Lern- und Arbeitsweise ausnahmslos sehr positiv war, wodurch eine Abstufung auf die Note 2 notwendig ist.

Dieses kurze Beispiel zeigt auf, wieso die in Arbeitszeugnissen angewendete Positivskala dazu führt, dass jeder Satz in Relation zu anderen Sätzen bewertet werden muss. Eine positive Tonalität allein erlaubt keine vollständige Beurteilung der Zeugnissätze.

Bei der Positivskala kommt es auf zwei wesentliche Dinge an:

1. die Verwendung einer zeitlichen Komponente (Temporaladverb)
2. der Einsatz von Superlativen und steigernden Adjektiven.
Lehrerin

Verneinung

Verneintes Gegenteil

In der Zeugnissprache kommt für besonders schlechte Bewertungen das verneinte Gegenteil zum Einsatz.

"Er war nicht unzuverlässig."

bedeutet in der Zeugnissprache genau das Gegenteil, nämlich dass es sich um einen unzuverlässigen Mitarbeiter gehandelt hat („Er war unzuverlässig.“). Als Faustformel kann also das Wort "nicht" aus den Sätzen gestrichen werden, um die wahre Bedeutung des Satzes zu verstehen.


Relativierung

Relativierungen

Um schlechte Leistungen zum Ausdruck zu bringen können bestimmte Schlüsselbegriffe eingesetzt werden, die den positiven Inhalt des Satzes relativieren. Somit können Sätze mit einer positiven Tonalität durch die Verwendung bestimmter Schlüsselbegriffe eine starke Abwertung erfahren. Im besten Fall kann ein solcher Satz mit ausreichend, in der Regel jedoch mit mangelhaft bewertet werden. Beispiele dafür sind:

„Auch bei starkem Arbeitsanfall ist er bemüht, gute Arbeitsergebnisse zu erzielen.“

Belastbarkeit Note 5

oder

„Er hat die Arbeitsanweisungen immer mit Interesse entgegengenommen.“

Leistungsbereitschaft Note 5

Weitere negative Schlüsselbegriffe der Zeugnissprache sind:

bemüht, bestrebt, Interesse, in der Regel, im Großen und Ganzen


Missverständlich

Missverständliche Formulierungen

Bei der praktischen Anwendung der Zeugnissprache kommt es immer wieder zu Formulierungen, die positiv gemeint, aber Raum für Spekulationen lassen.

„Im Umgang mit Kunden bewies Sie psychologisches Geschick“

externes Verhalten

kann zum einen sehr positiv gedeutet werden, zum Beispiel in der Form, dass die Mitarbeiterin mit schwierigen Kunden sehr gut zurechtkam. Gelernte Zeugnisprofis könnten diesen Satz jedoch auch negativ deuten. Die Mitarbeiterin hat den Kunden betrogen und das Unternehmen hat den Schaden davongetragen, könnte eine andere mögliche Deutung darstellen. Bei der Deutung von mehrdeutigen Formulierungen entscheidet oft der Gesamteindruck des restlichen Arbeitszeugnisses. Ein "selbstsicheres Auftreten" kann bei ansonsten positiven Formulierungen und Bewertungen als positiver Hinweis auf einen sicher auftretenden und argumentierenden Mitarbeiter interpretiert werden. Andernfalls, bei einem ansonsten unterdurchschnittlich Arbeitszeugnis jedoch auch gerne als Hinweis auf einen problematischen Mitarbeiter.

Missverständliche Formulierungen sollten unbedingt vermieden werden, falls eine positive Äußerung getätigt werden soll.
Entscheidend bei der Bewertung mehrdeutiger Formulierungen ist der restliche Gesamteindruck des Zeugnisses.
Lehrerin

Kurz

Kurze Formulierungen

Kurz formulierte Sätze können ein Hinweis auf eine schlechter Bewertung darstellen. Ähnlich der Anwendung der Positivskala fehlt es in kurzen Sätzen oft an bewertenden Adjektiven, die verdeutlichen, dass es sich um eine positive Leistungs- bzw. Verhaltensbeurteilung handelt. Insbesondere eine Vielzahl von kurz formulierten Sätzen erwecken den Eindruck, dass lieblos Sätze aneinander gereiht wurden, was als Geringschätzung des (Ex-)Mitarbeiters gedeutet werden kann.

"Sie war verlässlich."

Verhalten Note 4

Dieser Satz ist sehr kurz formuliert und gibt keinerlei Auskunft darüber wann sie in welcher Art und Weise verlässlich war. In diesem Fall kann nur mit einer negativen Bewertungen beurteilt werden (Note 4).


Passivierung

Passivierung

Eine weitere beliebte Technik ist es passive Formulierungen zu wählen. Durch die Passivierung von Sätzen wird suggeriert, dass die beschriebenen Erfolge nicht auf Grund des Beurteilten zustande gekommen sind. Eine Häufung von passivierten Sätzen wertet das gesamte Arbeitszeugnis ab, da somit der Eindruck entsteht der Beurteilte hat nicht aktiv aus Eigenmotivation heraus mitgearbeitet und zu Erfolgen des Unternehmens beigetragen.

Beispiele dafür sind:

"Hiermit bestätigen wir, dass..."

"wurde eingesetzt."

"konnte überzeugen."

"wir haben sie als ... kennengerlernt".

Positive Formulierungen sind in diesen Fällen bspw.:

"Er war/ist" oder "er überzeugte".

Eine Häufung von passiven Formulierungen wertet das gesamte Arbeitszeugnis ab.

Einzelne passive Formulierung sind jedoch unproblematisch.

Lehrerin

Widersprüche

Widersprüche

Eine weitere Technik ist das Verschleiern des negativen Gesamteindrucks durch das Einstreuen von einzelnen positiven Bewertungen, die durch damit im Widerspruch stehenden negativen Bewertungen konterkariert werden. Negative Sätze wiegen in der Zeugnissprache deutlich schwerer, so dass widersprüchliche Bewertungen immer zur einer negativeren Gesamtbewertung führen.

Werden widersprüchliche Aussagen innerhalb eines Satzes getätigt so verhält es sich ähnlich. Werden sehr positive Teilsätze mit guten Teilsätzen kombiniert, fällt die Deutung des gesamten Satzes als gut und nicht sehr gut aus.

" Er erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unseren vollsten Zufriedenheit, auch seine Arbeitsergebnisse waren stets gut."

Gesamtleistung Note 2

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Nebensächlichkeiten

Überbetonung von Nebensächlichkeiten

Durch das Herausstellen von selbstverständlichen Tätigkeiten und Leistungen kann eine negative Beurteilung stattfinden. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass dem Zeugnissaussteller keine anderen positiven Eigenschaften eingefallen sind. Nachfolgendes Beispiel verdeutlicht dies:

„Herr Muster war eine außerordentliche Führungskraft, die stets mit den Mitarbeitern sehr gute Gespräche führte.“

Führung

Dieser Satz enthält zum einem keine Bewertung über den Ausgang/Erfolg der Gespräche, zum anderen ist das Führen von Gesprächen ohne zusätzlichen Kontext eine tägliche Arbeit und Nebensächlichkeit. Somit wird die gesamte Tätigkeit und Leistungserbringung des Vorgesetzten in Frage gestellt.

Gleiches kann bei der Beschreibung der Tätigkeiten der Fall sein. Das Kochen von gutem Kaffee kann allerhöchstens für einen Barista eine erwähnenswerte Aufgabenbeschreibung darstellen sein. In allen anderen Fällen wird die Arbeitsleistung durch eine solche Aufzählung abgewertet.


Beredtse

Das Beredtse Schweigen

Im Gegensatz zur Überbetonung von Nebensächlichkeiten handelt es sich beim Beredtsen Schweigen, sprich das Weglassen von Angaben, um eine weitere, subtile Möglichkeit negative Bewertungen zu verschleiern. Anders als bei den anderen aufgezeigten Techniken werden hierbei Unzulänglichkeiten des Beurteilten durch deren Nicht-Nennung zum Ausdruck gebracht. Anstelle das negative Verhalten gegenüber des Vorgesetzten konkret oder verklausuliert zu nennen, wird kein Wort über das Verhalten zwischen dem Beurteilten und des Vorgesetzten genannt.  Dem Zeugnisprofi ist klar, dass es nur einen Grund gibt, um das Verhalten zum Vorgesetzten nicht zu beurteilen: Die Beziehung war problematisch und ein Konflikt hat vorgelegen.

Darüber hinaus müssen bei dieser Technik die berufs bzw. stellenspezifischen Eigenschaften berücksichtig werden. Bei einem Vertriebsmitarbeiter sollte der Kontakt zu Kunden definitiv erwähnt werden. Andernfalls muss hier von einer negativen Beurteilung ausgegangen werden.

Nicht jedes Weglassen von zu erwartenden Inhalten muss zwangsläufig negativ gedeutet werden.

Das Weglassen einer Beurteilung des Fachwissens (z.B.), sollte vermieden werden, geht jedoch nicht automatisch mit einer mangelhaften Bewertungen des Fachwissens einher. Allgemein muss hierbei das Berufsbild des Betroffenen berücksichtigt werden.

Lehrerin

Formfehler

Formfehler

Diese Abwertungstechnik betrifft nicht direkt die Zeugnissprache, kann aber den gleichen negativen Eindruck vermitteln. Wurde das Arbeitszeugnis nicht auf das offizielle Firmenbriefpapier gedruckt, existieren viele Rechtschreibfehler oder orientiert sich die Form des Arbeitszeugnisses nicht an der standardisierten Struktur wird damit eine geringe Wertschätzung des Mitarbeiters zum Ausdruck gebracht.


Ihr vermisst an dieser Stelle die Geheimcodes?!?

Bei der Verwendung von Geheimcodes handelt es sich nicht wirklich um eine der Techniken der Zeugnissprache. Nach § 109 GewO sind Aussagen, aus denen die Bedeutung nicht aus dem Wortlaut zu erschließen sind, verboten. Für diese Geheimcodes haben wir einen extra Artikel verfasst. Hier gehts lang zu den bekannten Geheimcodes.


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zeugnissprache bewertung arbeitszeugnis

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