Arbeitszeugnis Geheimcode: Tabelle zum Entschlüsseln
Ein Geheimcode im Arbeitszeugnis ist eine Formulierung, die wohlwollend klingt, tatsächlich aber eine negative Bewertung transportiert. „Er war stets bemüht“ bedeutet zum Beispiel eine mangelhafte Leistung. Solche Codes sind nach § 109 Abs. 2 GewO verboten – in der Praxis kommen sie trotzdem vor. Die Tabelle unten zeigt über 30 gängige Formulierungen und ihre wahre Bedeutung.
Was ist ein Geheimcode im Arbeitszeugnis?
Ein Arbeitszeugnis muss zugleich wahr und wohlwollend sein. Diese beiden Anforderungen widersprechen sich, sobald ein Arbeitgeber eine schwache Leistung zu bewerten hat. Aus diesem Konflikt ist über Jahrzehnte die Zeugnissprache entstanden: ein Vorrat an Formulierungen, deren tatsächliche Aussage von ihrem Wortlaut abweicht.
Streng genommen sind das keine „Codes“, denn ihre Bedeutung ist seit langem öffentlich bekannt und in der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung dokumentiert. Für die betroffene Person wirken sie aber genau wie ein Code, solange sie die Konvention nicht kennt: Der Satz liest sich freundlich, die Personalabteilung des nächsten Arbeitgebers liest etwas anderes.
Ein Beispiel: Jemandem für die Zukunft Erfolg zu wünschen, gilt allgemein als nette Geste. In einem Arbeitszeugnis wird „Wir wünschen ihm für die Zukunft Erfolg“ jedoch so gelesen: Erfolg wird gewünscht, weil bisher keiner da war. Die wohlwollende Variante lautet „weiterhin viel Erfolg“ – ein einziges Wort entscheidet über die Aussage.
Arbeitszeugnis entschlüsseln: Tabelle der bekanntesten Geheimcodes
Die folgende Tabelle enthält die in der Praxis am häufigsten dokumentierten Formulierungen, gruppiert nach dem Bereich, den sie betreffen. Die Spalte „Warum“ erklärt jeweils das sprachliche Mittel, damit auch Abwandlungen erkannt werden – Zeugnisersteller variieren die Sätze häufig.
Leistung und Arbeitsergebnisse
| Formulierung | Tatsächliche Bedeutung | Warum |
|---|---|---|
| Er war stets bemüht, seine Aufgaben zu erfüllen. | Die Leistung war mangelhaft. | „Bemühen“ beschreibt die Absicht, nicht das Ergebnis. |
| Er zeigte für die Arbeit Verständnis. | Es wurde keine Leistung erbracht. | Verständnis für etwas zu haben ersetzt kein Tun. |
| Durch seine Arbeit erzielte er Ergebnisse. | Die Ergebnisse waren unbrauchbar. | Eine Aussage ohne jede Wertung wirkt wie eine Verweigerung des Lobes. |
| Er war wegen seiner Pünktlichkeit stets ein gutes Vorbild. | Außer Pünktlichkeit gab es nichts zu loben. | Betonung einer Selbstverständlichkeit als einzige positive Eigenschaft. |
| Er handelte durchdacht, sorgfältig und gewissenhaft. | Die Eigenschaft wurde nur als befriedigend bewertet. | Aufzählung sinnverwandter Begriffe ohne Steigerung wirkt wie Füllmaterial. |
| Er nutzte jede sich bietende Gelegenheit zur Fortbildung. | Weiterbildung diente dazu, der Arbeit auszuweichen. | „Jede sich bietende Gelegenheit“ übertreibt und kippt dadurch ins Negative. |
| Er verfügt über ein bemerkenswertes Bildungsniveau, mit dem er alle gesellschaftlichen Anlässe bereicherte. | Das fachliche Niveau ist unterdurchschnittlich. | Lob wird auf einen Bereich verschoben, der für die Tätigkeit irrelevant ist. |
Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten
| Formulierung | Tatsächliche Bedeutung | Warum |
|---|---|---|
| Als umgänglicher Kollege wurde er geschätzt. | Es handelt sich um eine schwierige Person. | Passivkonstruktion – der Arbeitgeber übernimmt die Aussage nicht selbst. |
| Wir lernten ihn als umgänglichen Kollegen kennen. | Im Kollegenkreis unbeliebt. | „Kennenlernen“ beschreibt einen Eindruck, keine Bewertung. |
| Er wurde auch als umgänglicher Kollege geschätzt. | Es handelt sich um eine schwierige Person. | Das eingeschobene „auch“ relativiert das Lob. |
| Er trat den Vorgesetzten jederzeit unbeschwert und offen entgegen. | Mangelnder Respekt gegenüber Vorgesetzten. | Positiv klingende Eigenschaften, die im Kontext unpassend sind. |
| Im Kollegenkreis galt er als toleranter Mitarbeiter. | Für Vorgesetzte unangenehm. | Nur ein Teil des Beurteilungskreises wird genannt. |
| Mit seinen Vorgesetzten ist er gut zurechtgekommen. | Angepasster Mitläufer ohne eigene Position. | „Zurechtkommen“ beschreibt Duldung, nicht Zusammenarbeit. |
| Mit Kollegen hat er sich aktiv auseinandergesetzt. | Es kam zu Konflikten oder Handgreiflichkeiten. | Aus dem Konfliktwortfeld entlehnte Formulierung. |
| Er war ein sehr anspruchsvoller und in allen Fragen kritischer Mitarbeiter. | Nörgler. | Steigerung ins Absolute („in allen Fragen“) kehrt das Lob um. |
| Er war fleißig und wusste sich gut zu verkaufen. | Unbeliebt bei Kolleginnen und Kollegen. | Selbstdarstellung wird als Eigenschaft benannt. |
Integrität, Gesundheit und Privates
| Formulierung | Tatsächliche Bedeutung | Warum |
|---|---|---|
| Er verstand es, seine Interessen mit denen des Unternehmens in Einklang zu bringen. | Verdacht der Bereicherung. | Eigene Interessen werden vor die des Unternehmens gestellt. |
| Er hat durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen. | Hinweis auf Alkoholkonsum während der Arbeitszeit. | „Geselligkeit“ als Leistungsmerkmal ist sachfremd. |
| Er bewies für die Belange der Belegschaft stets Einfühlungsvermögen. | Hinweis auf unerwünschte Annäherungen im Kollegium. | Emotionale Zuwendung wird als Arbeitsmerkmal ausgegeben. |
| Wir wünschen ihm alles Gute und Gesundheit. | Häufige krankheitsbedingte Fehlzeiten. | Sachfremder Zusatz in der Schlussformel. |
| Wir wünschen ihm für die Zukunft Erfolg. | Bisher kein Erfolg – im Gegensatz zu „weiterhin viel Erfolg“. | Das fehlende „weiterhin“ verneint die Vergangenheit. |
Formulierungen, die schon für sich unzulässig sind
Die folgenden Sätze verstoßen nicht nur gegen das Verbot aus § 109 Abs. 2 GewO, sondern greifen zusätzlich Merkmale auf, die nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz oder dem Betriebsverfassungsgesetz nicht in ein Zeugnis gehören.
| Formulierung | Tatsächliche Bedeutung | Warum unzulässig |
|---|---|---|
| Er trat innerhalb wie außerhalb des Unternehmens engagiert für die Interessen der Arbeitnehmer auf. | Betriebsratstätigkeit. | Ein Amt im Betriebsrat darf ohne Zustimmung nicht erwähnt werden. |
| Er zeigte Engagement für Arbeitnehmerinteressen außerhalb des Betriebes. | Teilnahme an Streiks. | Gewerkschaftliche Betätigung ist kein zulässiger Zeugnisinhalt. |
| Er bewies großes Einfühlungsvermögen bei seinen Kollegen. | Anspielung auf die sexuelle Orientierung. | Merkmal nach dem AGG, in einem Zeugnis unzulässig. |
Die vollständige Liste gibt es zusätzlich als PDF zum Download. Ausführlich zu unzulässigen Inhalten: diskriminierungsfreies Arbeitszeugnis.
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Neben den einzelnen Codes gibt es eine durchgehende Systematik: die Zufriedenheitsskala. Sie verschlüsselt die Gesamtleistung über Verstärkungswörter. Wer sie kennt, kann die Note eines Zeugnisses in wenigen Sekunden bestimmen.
| Note | Formulierung | Entscheidendes Wort |
|---|---|---|
| 1 – sehr gut | stets zu unserer vollsten Zufriedenheit | „stets“ + „vollsten“ |
| 2 – gut | stets zu unserer vollen Zufriedenheit | „stets“ + „vollen“ |
| 3 – befriedigend | zu unserer vollen Zufriedenheit | „stets“ fehlt |
| 4 – ausreichend | zu unserer Zufriedenheit | „vollen“ fehlt zusätzlich |
| 5 – mangelhaft | hat sich bemüht / im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit | Einschränkung statt Bewertung |
Ausführlich mit Beispielsätzen für alle Kategorien: Arbeitszeugnis Formulierungen und Arbeitszeugnis Noten. Zur Bedeutung des Wortes „stets“ gibt es einen eigenen Artikel: Was bedeutet „stets“ im Arbeitszeugnis?
Woran erkenne ich versteckte Kritik?
Die Liste einzelner Codes ist nie vollständig, weil Formulierungen abgewandelt werden. Zuverlässiger ist es, die zugrunde liegenden Techniken zu kennen. Es sind im Wesentlichen sechs:
| Technik | Erkennungsmerkmal | Beispiel |
|---|---|---|
| Beredtes Schweigen | Eine erwartbare Kategorie fehlt vollständig. | Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten wird nicht erwähnt. |
| Relativierung | Einschränkende Zusätze schwächen das Lob ab. | „im Großen und Ganzen“, „im Wesentlichen“, „weitgehend“ |
| Passivierung | Der Arbeitgeber bewertet nicht selbst, sondern referiert. | „wurde geschätzt“ statt „wir schätzten“ |
| Reihenfolge | Abweichung von der üblichen Ordnung. | Kollegen werden vor Vorgesetzten genannt. |
| Betonung des Selbstverständlichen | Banales wird als Leistung dargestellt. | „stets pünktlich“ als einziges Lob |
| Sachfremdes Lob | Gelobt wird etwas, das nichts mit der Aufgabe zu tun hat. | Geselligkeit, gesellschaftliche Anlässe, Auftreten |
Die Techniken im Detail – mit weiteren Beispielen – stehen im Artikel zur Zeugnissprache.
Sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis erlaubt?
Nein. § 109 Abs. 2 GewO bestimmt ausdrücklich: Das Zeugnis muss klar und verständlich formuliert sein und darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die den Zweck haben, eine andere als aus der äußeren Form oder dem Wortlaut ersichtliche Aussage über die Arbeitnehmerin oder den Arbeitnehmer zu treffen. Das Verbot gilt seit der Novellierung im Jahr 2002 und hat historische Vorläufer bis ins 19. Jahrhundert.
Aus dem Verbot folgt ein Anspruch auf Berichtigung: Wer eine unzulässige Formulierung im Zeugnis findet, kann verlangen, dass sie entfernt oder ersetzt wird. Für die Bewertung selbst gilt nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts eine abgestufte Darlegungslast – eine durchschnittliche Beurteilung (Note 3) ist der Ausgangspunkt. Wer eine bessere Note verlangt, muss die dafür sprechenden Leistungen darlegen; wer schlechter bewertet, muss dies begründen.
Eine kommentierte Übersicht der einschlägigen Entscheidungen findest du unter Rechtsurteile zum Arbeitszeugnis. Diese Seite ersetzt keine Rechtsberatung.
Was tun, wenn ich einen Geheimcode gefunden habe?
- Vollständig prüfen, nicht nur den auffälligen Satz. Ein einzelner ungewöhnlicher Satz kann Zufall sein. Erst das Gesamtbild aus Notenlage, Auslassungen und Schlussformel zeigt, ob Absicht dahintersteckt. Unsere Zeugnisanalyse macht das Satz für Satz.
- Konkrete Änderung formulieren. Es hilft, dem Arbeitgeber nicht nur mitzuteilen, was stört, sondern gleich den gewünschten Ersatzsatz mitzuliefern.
- Schriftlich anfordern. Nutze dazu unsere Musterschreiben zum Anfordern und Nachbessern. Dort stehen auch die einzuhaltenden Fristen.
- Fristen im Blick behalten. Arbeits- oder Tarifverträge enthalten häufig Ausschlussfristen, nach denen Ansprüche verfallen.
- Bei Ablehnung anwaltlich prüfen lassen. Bleibt die schriftliche Aufforderung erfolglos, ist der Gang zu einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Arbeitsrecht der nächste Schritt.
Für die Erstellung von Arbeitszeugnissen ohne ungewollte Geheimcodes kann unser Arbeitszeugnis-Generator verwendet werden.
Häufige Fragen zum Geheimcode im Arbeitszeugnis
Was bedeutet „er war stets bemüht“?
Die Formulierung entspricht der Note 5 (mangelhaft). Bewertet wird nur die Absicht, nicht das Ergebnis – der Arbeitgeber sagt damit, dass die Leistung den Anforderungen nicht genügt hat.
Sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis verboten?
Ja. Nach § 109 Abs. 2 GewO darf ein Zeugnis keine Formulierungen enthalten, die eine andere als die aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage treffen. Wer eine solche Formulierung findet, kann Berichtigung verlangen.
Welche Note hat „zu unserer vollen Zufriedenheit“?
Note 3 (befriedigend). Mit vorangestelltem „stets“ wird daraus Note 2, mit „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ Note 1.
Was bedeutet es, wenn das Verhalten gegenüber Vorgesetzten fehlt?
Das ist ein Fall von beredtem Schweigen. Wird eine erwartbare Kategorie ausgelassen, lesen erfahrene Personaler dies als negatives Signal.
Kann ich Geheimcodes selbst erkennen?
Teilweise. Die bekanntesten Formulierungen stehen in der Tabelle oben. Schwieriger sind Abwandlungen und Auslassungen, weil sie nur im Vergleich zum üblichen Aufbau auffallen.
Gibt es die Geheimcodes als Liste zum Download?
Ja, als kostenlose PDF-Liste.
Gilt das auch für ein Dienstzeugnis in Österreich oder der Schweiz?
Die Zeugnissprache ist weitgehend identisch, die Codes lassen sich also übertragen. Der rechtliche Anspruch richtet sich aber nach dem jeweiligen nationalen Recht.
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